18. bis 25. April 1913
AUF DEN SPUREN
'ABDU’L-BAHÁS IN WIEN
Das geistige Fundament für die Entfaltung des Bahá’í-Glaubens in Österreich legte ‘Abdu’l-Bahá, ältester Sohn und Nachfolger Bahá’u’lláhs, mit seinem historischen Besuch in Wien im April 1913.
Stern - Im Jahr 2021 begehen die Bahai überall auf der Welt den 100. Jahrestag des Hinscheidens 'Abdu'l Bahás

"Ein Lehrer des Weltfriedens" und "großer Botschafter des Friedens in diesem Jahrhundert"

Schlagzeilen dieser Art in vielen Zeitungen begleiteten 'Abdu'l-Bahá während seiner Reise durch Europa und Nordamerika in den Jahren 1911-1913. Viele der heute weltweit bekannten Schriftsteller und Philosophen, ja sogar Staatsmänner fanden in ihm Inspiration und Rat.
Bild von 'Abdu'l Bahá

‘Abdu’l-Bahá
„Diener der Herrlichkeit Gottes“

wurde am 23. Mai 1844 in Teheran in Persien geboren. Von frühester Kindheit an zeigte er Wesenszüge und Eigenschaften, die hohes Lob und Bewunderung bei vielen Menschen hervorriefen. Obwohl unschuldig, erlebte er religiöse Verfolgung und die mehrfache Verbannung gemeinsam mit seiner Familie, zuerst - im Alter von 9 Jahren - nach Bagdad und zum Schluss in die Gefängnisstadt Akká im heutigen Israel.

Seine Persönlichkeit beeindruckte jeden, der ihm begegnete. Die Einwohner Akkás staunten über seinen tatkräftigen Einsatz und seine Hilfsbereitschaft für Arme und Kranke und priesen sein außergewöhnliches Wissen und seine Weisheit.

Im Jahre 1908, nach der jungtürkischen Revolution, erlangte er im Alter von 64 Jahren die Freiheit und ab dem Jahre 1910 reiste ‘Abdu’l-Bahá nach Ägypten, Europa und Nordamerika.

Überall verbreitete er die Lehren seines Vaters. Er sprach über die Prinzipien der Bahá'í-Religion - jener Religion, die sein Vater Bahá’u’lláh der Menschheit offenbart hat. Hier seien einige Prinzipien der Bahá'í-Religion genannt: der Abbau von Vorurteilen jeglicher Art, die Einheit der Menschheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion und die eigenständige Suche nach Wahrheit, statt Traditionen blind zu folgen.‘Abdu’l-Bahá traf mit Menschen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen: mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, mit Klerikern, Wissenschaftlern, Künstlern, Schriftstellern und Journalisten – aber auch mit Obdachlosen und Bettlern.

1920 wurde ‘Abdu’l-Bahá in Anerkennung der von ihm in den Kriegsjahren geleisteten humanitären Hilfe zum Ritter des Britischen Empire geschlagen. Im Folgejahr verstarb er nach einem langen, aufopferungsvollen Leben in Haifa. Seiner Beisetzung wohnten auch hohe Staatsbeamte und Oberhäupter der verschiedenen religiösen Gemeinschaften bei. Etwa 10.000 Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft trauerten um den Verlust des „Meisters“ – wie sie ‘Abdu’l-Bahá respektvoll nannten.‘Abdu’l-Bahás Vision bedeutet nichts weniger als eine grundlegende Veränderung der menschlichen Gesellschaft und ihrer Strukturen. Seine Botschaft des Friedens und der Aussöhnung zwischen den Religionen und Kulturen besitzt heute unveränderte Aktualität.

Stern - Wenn sich ein Mensch zu Gott hinwendet, findet er überall Sonnenschein.
Schauplätze seines historischen Besuches
Grand Hotel Wien
18. April bis 24. April 1913
Grand Hotel Wien
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‘Abdu’l-Bahá bezog das Grand Hotel in Wien am Abend des 18. April. Zuvor hatte er Budapest bereist und hatte sich von einer dort zugezogenen schweren Grippe noch nicht ganz erholt.

Im Grand Hotel empfing er viele Menschen, die von seiner Ankunft gehört hatten und es nicht abwarten konnten, in seine Gegenwart zu gelangen. Es kamen unter anderem Regierungsbeamte, Vertreter der Theosophischen Gesellschaft, Künstler sowie einfache Menschen, die darum baten, dass ‘Abdu’l-Bahá sie empfängt.

Am 24. April 1913, dem letzten Tag seines Aufenthaltes in Wien, wurde der Besuch von Baronin Bertha von Suttner angesagt. Bertha von Suttner war Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin. Im Jahre 1905 hatte sie als erste Frau den Friedensnobelpreis erhalten. ‘Abdu’l-Bahá empfing sie überaus herzlich. Sie lauschte seinen Worten mit größtem Interesse. Baronin von Suttner war sichtlich ergriffen von den Worten ‘Abdu’l-Bahás und dankte ihm unter Tränen für die Inspiration, die sie von ihm empfangen hatte.

Wiener Stadtpark
19. April 1913
Wiener Stadtpark
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Am Tag nach seiner Ankunft in Wien, Samstag, 19. April 1913, entschloss sich ‘Abdu’l-Bahá, einen Spaziergang zu machen. In Wien fand damals gerade ein alljährliches Fest statt, der „Wiener Blumentag“, an dem Frauen und junge Mädchen in ihren schönsten Kleidern und mit Narzissen und Azaleen in den Armen, Passanten, denen sie begegneten, die Blumen anboten. Der Ertrag der Geldspenden sollte den Kranken, besonders aber kranken Kindern und Familien zufließen. Auch ‘Abdu’l-Bahá und seiner Begleitung boten sie ihre Blumen an, und er gab immer wieder Spenden.

Dann kam er zu einem Park in der Inneren Stadt, dem Stadtpark, wo Kinder spielten. Er nahm sie in seine Arme und gab jedem etwas Geld. Als sie in das Hotel zurückkehrten, hatte ‘Abdu’l-Bahá seine eigenen Taschen ausgeleert, und auch alles was seine Begleiter bei sich hatten, war gespendet. "Die Menschen haben uns heute bankrott gemacht", sagte er lächelnd.

Am Morgen vor diesem Spaziergang besuchte ‘Abdu’l-Bahá den osmanischen Botschafter in Wien. Dieser hatte seinen Konsul in Budapest gebeten, ‘Abdu’l-Bahá zu besuchen und ihn von seiner Abreise aus der ungarischen Metropole zu verständigen. Obgleich der Botschafter ein fanatischer Mann war, freute er sich, über die Reise ‘Abdu’l-Bahas nach Amerika zu erfahren und drückte sein Bedauern über die Leiden aus, die ‘Abdu’l-Bahá in der Gefängnisstadt 'Akka zu erdulden gehabt hatte. Er überhäufte seinen Gast mit Dankbarkeitsbezeugungen.

Karlskirche
20. April 1913
Karlskirche
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Bei seinem Spaziergang am 20. April bewunderte ‘Abdu’l-Bahá die Pracht der Karlskirche und betrat diese.

Stern - Wenn ein Kriegsgedanke kommt, so widersteht ihm mit einem stärkeren Gedanken des Friedens.
Theosophische Gesellschaft

Anlass des Besuches von ‘Abdu’l-Bahá in Wien war unter anderem die freundliche Einladung durch den Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft, John Cordes.

Die Theosophen setzten sich für die universale Bruderschaft der Menschheit ein und forderten das Studium der vergleichenden Religionswissenschaft und Philosophie. Auf Einladung der Theosophischen Gesellschaft sprach ‘Abdu’l-Bahá am 19. April 1913 in deren Zentrum in der Johannesgasse 2 im ersten Wiener Bezirk bei Familie Lukaneder.

Da das Haus neu erbaut war, gab es noch keinen Lift und ‘Abdu’l-Bahá stieg trotz der Nachwehen seiner Grippe 120 Stufen, um zu den Theosophen zu sprechen. Die Mitglieder dieser Gesellschaft zeigten höchste Ehrerbietung für ihn, besuchten ihn bei seiner Anreise am Bahnhof, suchten ihn mehrmals im Grand Hotel auf und luden ihn mehrere Male während seines Aufenthaltes in Wien ein, zu ihnen zu sprechen.

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rosa Blume
Im Menschen sind zwei Naturen: seine geistige oder höhere und seine materielle oder niedere Natur. In der einen nähert er sich Gott, wogegen er in der anderen nur in der Welt lebt. Von beiden Naturen finden sich im Menschen Zeichen.
‘Abdu’l-Bahá, Ansprachen in Paris
Selig und glücklich ist, wer sich erhebt, dem Wohle aller Völker und Geschlechter der Erde zu dienen.

Mit Seiner Botschaft des Friedens und der Verkündigung der Bahá’í-Lehren, die den Weg zu einer auf Gerechtigkeit beruhenden neuen Weltordnung zeigen, konnte ‘Abdu’l-Bahá in den Menschen, mit denen er in der Donau-Metropole zusammentraf, neue Hoffnung und Zuversicht wecken. In der österreichisch-ungarischen Monarchie hatte sich in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg in der Auseinandersetzung der Gesellschaftsklassen und der Nationalitäten schon eine neue politische Welt angekündigt. Auf die Frage zweier Theosophen antwortete er wie folgt:

„Für den Menschen gibt es zwei Arten von Fortschritt: den materiellen und den geistigen. Der materielle Fortschritt ist vorübergehend und am Ende ohne Bedeutung. Gleichgültig, wie weit sich ein Mensch in dieser Beziehung entwickeln mag, er wird keinen wirklichen Frieden und kein wirkliches Glück finden, und jede Spur wird von ihm am Ende ausgelöscht und vergessen sein. Geistiger Fortschritt andererseits gewährt dauernde Freude. Aus ihm ergibt sich die Erziehung, die Sicherheit und das Glück der ganzen Menschheit. Allerdings müssen wir die Menschheit sowohl im materiellen wie im geistigen Sinne beschützen und ihr dienen. Im Vergleich zum geistigen Beistand sind der materiellen Hilfe jedoch Grenzen gesetzt. Wenn aber Menschen von uns geistig geführt und unterstützt werden, sind die Ergebnisse unbegrenzt. Und wenn sowohl geistiger wie auch materieller Fortschritt gemacht wird, haben wir äußere und innere Erleuchtung.

Die Vollkommenheit liegt natürlich in der Erlangung geistiger Vollendung und materieller Fähigkeit. Wenn das Licht einer Lampe durch ein reines und funkelndes Glas verstärkt wird, so ist sie von besonderer Schönheit. Wenn jedoch jemand anfänglich nicht imstande ist, die Menschen geistig zu führen und ihnen göttlichen Beistand zu geben, sollte er sich nicht grämen, denn es wird ihm verziehen. Er muss seine Bemühungen verdoppeln, bis er die Gnade Gottes empfängt und imstande ist, die Menschen zu leiten. Gleichfalls soll er sich nicht grämen, wenn er keinen großen Anteil an den weltlichen Gütern hat. Wie viele Menschen haben Millionen ausgegeben, um der Menschheit zu helfen, aber da dies alles im materiellen Bereich war, gab es nur beschränkte Resultate. Sehet aber, welch grenzenlose Erfolge sich aus den Bemühungen jener ergeben, die, wie zum Beispiel die Apostel, sich sehr angestrengt haben, um die geistigen Lehren zu fördern und das Wort Gottes zu verbreiten. Sehet, wie sie das ewige Leben errungen haben. Bemühet euch also, diese Gnade und Gunst Gottes zu gewinnen und verwendet eure Zeit dazu, euren Mitmenschen diese Art von Hilfe angedeihen zu lassen.“

Stern - Ich heiße euch alle und jeden von euch, alles, was ihr im Herzen habt, auf Liebe und Einigkeit zu richten.
Quelle der Hoffnung

"Quelle der Hoffnung" ist ein Büchlein mit einer Auswahl an inspirierenden Textstellen von ‘Abdu’l-Bahá, welches 2021 zum 100. Jahrestag seines Hinscheidens erschienen ist.

Diese Zusammenstellung beschreibt die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst.

Mögen Die Worte ‘Abdu’l-Bahás uns zum Nachdenken anregen, Freude schenken und uns inspirieren, unser Leben nach seinen Weisheiten auszurichten.

Büchlein "Quelle der Hoffnung"

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Glück
Freundschaft
Vorurteilsfrei
Beratungskultur
Liebe

"Quelle der Hoffnung" kann im Esslemont-Verlag bezogen werden.

Blume hellbraun
„Der Mensch ist seiner Wirklichkeit nach ein geistiges Wesen und nur wenn er im Geiste lebt, ist er tatsächlich glücklich."
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